Reconnection in Estland

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In Tallin, der Hauptstadt von Estland, ziehen um die Sommersonnenwende herum nächtens Gruppen von dutzenden von Menschen stundenlang durch die Altstadt und singen monotone Lieder in altestnischer Sprache. Was geht da vor?

Die Wurzeln dieser „neuen Tradition“ gehen auf Finno-Ugrische Überlieferungen zurück, die dort unter dem Titel „Regilaul“ bekannt sind. So lernen wir in dem Dokumentarfilm „Regilaul – Songs of the Ancient Sea“ von Ulrike Koch. Diese Invokationen, auf der Grundlage der Wiederholung von achtsilbigen Versen, die Regilaul, wurden ein Trend unter den estnischen Jungendlichen, als die alten Sprachen in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts von der russsichen Zentralregierung verboten werden sollten. „Wir suchten nach etwas, was wir mit unseren Altvorderen gemeinsam haben“, meint einer der Protagonisten, „wir hatten es nicht auf die Wiederbelebung von irgendwelchen folkloristischen Sachen abgesehen, aber wir sangen, während wir um die Sommersonnenwende durch die Altstadt von Tallin zogen, diese alten Verse und wenn man stundenlang solche Sachen wie „alte Eiche, großer Bulle“ oder „die verlorenen Gänse“ singt, in diesen uralten Melodien, dann öffnet sich etwas in einem. Und diese Gefühle verschwinden dann vielleicht wieder, aber sie bleiben auch irgendwie, wie ein vergessener Traum.“

Als Deutscher, mit einem Minimum an politischen Bewußtsein, ist man nun natürlich hyperempfindlich, was alles angeht, das uns irgendwie an die unheilige Allianz von dumpfer Volkstümelei mit der Blut-und-Boden-Schwülstigkeit des dazugehörigen Nationalismus erinnert.
Von dieser Art der – sicherlich sinnvollen – (über-) Empfindlichkeit einmal abgesehen, woran erinnern diese Klänge und diese Bilder uns noch? Folklore mischt sich hier offensichtlich mit Elementen, die wir „schamanisch“ oder „mantrisch“ nennen würden.
Und wenn man die typisch deutschen Befürchtungen beseite stellt, dann kann, wenn man diesen Dokumentarfilm auf sich wirken lässt, tatächlich so etwas wie Hoffnung aufkommen. Wie eine der Sängerinnen im Film meint, deutet sich in diesen wiederbelebten Traditionen eine Wahrnehmung und Wertschätzung für ein nicht-lineares, eher spiralartig strukturierte Zeit- und Selbstverständnis an. Es geht in diesem Zeitverständnis weder um eine blinde Fortschrittsgläubigkeit, noch um eine rückwärtsgewandte Schwumeligkeit. Die Wachheit für den Moment und die eigene Situation verbindet sich hier mit dem Bewußtsein unausdenklich langer Generationenfolgen und den zyklischen Strukturen der Mehr-als-menschlichen Natur. Das Adjektiv „archaisch“ drängt sich auf, ohne dass man klar formulieren könnte, was man denn jetzt konkret damit meinen würde.

Und, vielleicht sind auch die Assoziationen, die uns an schamanische Gesänge und an mantrische Formeln denken lassen, keine bloße esoterische Verirrung. Ein junger Komponist spricht etwa, wenn auch nur andeutend, von „Transformationen“, die durch die dauernden, wir würden eben sagen, mantrenartigen, Wiederholungen eingeleitet werden können.

Was es aber nun ist, das sich dort abzeichnet, in dieser, uns wenig vertrauten Mischung von Traditionsbewußtheit, Vertrauen in die immer gegenwärtige Natur und Offenheit für ganz normale, moderne Technik, – das MacBook liegt neben dem Webstuhl … – was sich kulturell in dieser, jetzt politisch ermöglichten, Begegnung zwischen modernem Bewußtsein, uralten Traditionen und unberührter Natur, abzeichnet, lässt sich nicht so ohne weiteres in eine unserer gewohnten Standard-Schubladen ablegen …

Wenn wir keine passende Schublade und keinen schnellen, modernen Begriff haben, für etwas, was uns begegnet, was machen wir dann?

Vielleicht sollten wir, zum Beispiel in einem solchen Fall, einfach einmal das Abenteuer wagen, ein Phänomen, in diesem Fall ein kulturelles, wahrzunehmen, ohne es vorschnell krampfhaft in ein begrifflich-konzeptuelles Prokrustesbett zu zwingen, aber auch ohne angstvoll die Augen davor zu schließen.

Lässt man sich darauf ein, kann vielleicht ansatzweise klar werden, was mit dem inflationär benutzten Begriff „Transformation“ gemeint sein könnte.

 

 

 

Ulrike Koch. Regilaul – Songs of the Ancient Sea. Documentary.
Prod.: Rose-Marie Schneider. Schweiz, 2011
Link zu Cultureunplugged

 

 

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